Freie Software zwischen Markt und Gemeineigentum

Ein exemplarischer Beitrag zum Umgang mit Gemeingütern am Beispiel Software.

– meiner Meinung nach ein optimaler Ansatz auch für andere Gemeingüter (Boden, Luft, Wasser….?)

Von Fischteichen, WG-Kühlschränken und freier Software

von Volker Grassmuck

(… oder gleich das ganze Buch lesen:  Freie Software zwischen Markt und Gemeineigentum  )
Freie Software entsteht duch Kooperation. Warum sie funktioniert, erforscht Autor Grassmuck. Dabei erlebt “Allmende”, lange Zeit nur für Historiker ein Begriff, eine Renaissance.


Zweitausendeins ist nicht das Jahr der außer Kontrolle geratenen Maschine, wie Kubricks Film vor 32 Jahren voraussah, sondern das der Netzwerke einer Zivilgesellschaft. Die UNO will mit dem “Jahr der Freiwilligen” die soziale Bedeutung und die volkswirtschaftliche Dimension freiwilliger Tätigkeit zum Ausdruck bringen. Welches eindrucksvollere Beispiel dafür könnte es geben als die freie Software?
Es sind nicht mehr nur die Experten, die über Entscheidungswissen, Kommpetenz und Mandat verfügen, für andere Wissen zu schaffen. In den Internet-gestützten Tauschpraktiken der freien Software, im kooperativen Aufbau von Enzyklopädien oder im P2P-Journalismus (Peer-to-Peer) gibt es ein Kontinuum von wenigen, die sehr viel, vielen, die etwas, und sehr vielen, die ein bisschen beitragen.
Alle sind Ko-Produzenten, die meisten sind Volunteers, viele davon Vollprofis. Die Netzwerkgesellschaft wird von einer kollektiven Intelligenz getragen, die auch Mittel erhalten hat sich auszudrücken.
Die Netzwerkgesellschaft kennt keine Experten-Herrschaft
Dass Menschen kooperieren, um gemeinsame Ressourcen gemeinsam zu nutzen, zu erhalten und weiterzuentwickeln, erscheint auf den ersten Blick selbstverständlich. Halt so, wie das in der freien Software auch geschieht. Doch nicht nur Wirtschaftstheoretiker behaupten, so sei das Leben nicht. Kollektive können nicht nur intelligent, sondern auch schrecklich dumm, faul und träge sein – wie jeder weiß, der mal eine Zeit lang in einer WG gelebt hat. Aristoteles beobachtete: Was der größten Zahl gemein ist, wird am geringsten geschätzt.
Seine kanonische Formulierung erhielt das Phänomen in den 60ern durch den Humanökologen Garrret Hardin: Das Allmende-Dilemma besagt, dass ohne Regulierung jeder versuchen werde, den maximalen Nutzen aus einer gemeinsamen Ressource zu ziehen, ohne Rücksicht auf deren Erhaltung. Ein Fischer werde, notfalls mit Hilfe von Dynamit, heuto so viele Fische fangen wie möglich, da er nicht davon ausgehen kann, dass ihm seine Konkurrenten morgen noch welche übrig gelassen haben.
Generationenen von Forschern in Wirtschaft, Politik und Umweltschutz fanden eine Fülle von empirischen und theoretischen Belegen dafür: Was frei ist für alle, wird von niemandem geachtet. Individuen handeln rational in ihrem Eigeninteresse und produzieren so Ergebnisse, die für das Kollektiv und damit für jeden Einzelnen irrational sind. Oder im Ergebnis des strukturverwandten Gefangenen-Dilemmas: Kooperieren lohnt sich nicht. Kollektives Handeln laufe unweigerlich in die Falle der Übernutzung und der Trittbrettfahrerei. Solange noch etwas im Kühlschrank ist, bedient sich jeder; doch beim Einkaufen und Putzen hoffen alle, dass der Leidensdruck bei einem anderen eher die Schwelle zum Handeln übersteigt, als bei ihm selbst.
Die meisten Ökonomen sehen zwei möglichen Antworten auf diese Tragödie: eine zentrale Regulierung der gemeinsamen Güter, etwa durch den Staat, oder ihre Privatisierung, da der alleinige Besitzer einer Ressource ein egoistisches Interesse daran habe, sie nachhaltig zu bewirtschaften.

Kooperieren lohnt sich nicht – oder doch?

Die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostom hat in dem Buch “Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt” [1] einen dritten Satz von Alternativen aufgezeigt: Die Nutzer eines gemeinsamen Gutes einigen sich untereinander auf Regeln, deren Einhaltung sie wechselseitig überwachen. Lokales Wissen stützt lokale Entscheidungen. An vielen Fallbeispielen zeigt Ostrom, dass es möglich ist, dem Entweder–Oder von zentraler Kontrolle und Privatisierung zu entkommen; zum Beipiel durch Genossenschaften, Kooperativen, selbstverwaltete Betriebe oder Tauschringe.

Die Wissens-Allmende

Bei Fischfanggebieten, Weideflächen und WG-Kühlschränken handelt es sich um materielle Güter. Wie stellt sich das Problem bei Wissensgütern dar? Begriffe wie Data-Mining und Knowledge-Harvesting erinnern noch an Landwirtschaft und Bergbau, aber es ist klar, dass es hier nicht um Raubbau an natürlichen Ressourcen geht. Informationelle Produktionsmittel (Compiler, Editoren, CVSs) und Güter sind nicht erschöpflich, weil beliebig kopierbar.
Ihre Nutzung schließt die gleichzeitige Nutzung durch andere nicht aus. Was entspräche dann einer Übernutzung? Etwas aus dem gemeinschaftlichen Pool nehmen, es verändern und ohne Quellcode verkaufen, ohne die Änderungen an die anderen Beteiligten zu geben! Die Geschichte von Unix demonstriert den Effekt. Solange AT&T Unix aus kartellrechtlichen Gründen nicht kommerziell werden durfte, wurde es weitgehend offen von einer wachsenden Gemeinde aus Studenten und Informatikern an Unis und Unternehmen entwickelt. Dann setzte die private Bewirtschaftung ein.

Die Bewirtschaftung eines Betriebssystems

Der freie Markt, so hören wir unablässig, bringe Vielfalt hervor, so entstanden AIX, Xenix, HP/UX, Sinix, Sun/OS und was noch mehr. Alle setzten auf eine gemeinsame Ressource und fügten ihr proprietäre Funktionalitäten hinzu, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und die Anwender an den eigenen Unix-Geschmack zu binden.
Die Einzäunung der Allmende begann. AT&T war als wohlwollender Leviathan — eigentlich ein Möchtegern-Monopolist, dem die Hände gebunden waren — wenigstens noch in der Lage, eine kompatible Code-Basis für alle zusammenzuhalten. Der freie Wettbewerb dagegen, den die unsichtbare Hand des Marktes angeblich zum Wohl der Gesamtheit führt, brachte eine Zerstückelung in eingezäunte inkompatible Parzellen.
Die Berkeley-Gruppe, dann GNU und Linux stehen schließlich für das dritte Modell. Erst die verwandelten Unix wieder in ein Gemeinschaftsgut.
Alle drei ergriffen einfach die Initiative und erwarben sich durch ihre Arbeit Anerkennung von der Gemeinschaft. Sie wurden zu natürlichen Autoritäten in einem Prozess der Selbstorganisation, in dem Regeln und Durchsetzungsmechanismen entstehen.
Unter heutigen Bedingungen der Vermarktung von Wissen ist dafür ein kollektives Eigentum an der gemeinsamen Ressource Voraussetzung. GNU/Linux ist frei für — fast — alle. Denn die GPL schließt sehr wohl potenzielle Nutzer aus; diejenigen nämlich, die nicht bereit sind, sich an die Auflagen der GPL zu halten. Dass es sich hierbei nicht nur um eine akademische Spitzfindigkeit handelt, belegte jüngst eine Äußerung von Microsoft.

GNU macht nicht alle glücklich – zum Glück

Windows-Chef Jim Allchin griff freie Software als innovationsfeindlich, unamerikanisch und schlecht fürs Softwaregeschäft an. Eine Flut der Empörung nötigte das Unternehmen nachzuschieben, dasss es nichts gegen Lizenzen wie die von BSD habe, die es ihm ermöglicht, freie Software in proprietäre Produkte einzubauen. Allein die GNU GPL sei des Teufels, weil sie es Microsoft verbiete, privat zu verwerten, was eine Gemeinschaft geschaffen hat. Nichts zeigt eindrucksvoller, dass das Schließungsverbot genau jene trifft, vor denen es freie Software schützen soll.
Knappe Ressource sind hier also nicht die Bits, sondern die Zeit und die Aufmerksamkeit der freien Entwickler, Dokumentatoren und Tester. Deren Motivation geht jedoch in die Binsen, wenn sie feststellen, dass Dritte auf ihrer Arbeit ihr eigenes Süppchen kochen. Das Problem ist nicht, dass Leute sich aus dem gemeinsamen Pool bedienen, ohne etwas zurückzugeben (zumindest, solange es noch genug Leute gibt, die Arbeit reinstecken), sondern dass Firmen ihre eigenen Weiterentwicklungen nicht mit der Gemeinschaft teilen. Sie vernichten damit die erschöpfliche Ressource Motivation.

Wissensökologie

Wissen nur als Ware betrachten blendet alles daran aus, was Gemeingut ist. Sieht man die aktuellen Gesetzentwürfe zum Urheber- und Patentrecht an, muss man glauben, die Rechte der Autoren und Verwertungsindustrien seien naturgegeben und absolut. Die Ertäge aus Innovationen werden privatisiert, die Kosten für die Voraussetzungen der Innovation — vom Bildungssystem, über den Zugang zu veröffentlichtem Wissen in Bibliotheken bis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk — werden ausgeblendet und stillschweigend von der Gemeinschaft getragen.
In einem viel beachteten Aufsatz plädiert der amerikanische Rechtsgelehrte James Boyle für eine Wissens-Umweltschutzbewegung [2]. Darin vergleicht er unsere Situation mit dem Umweltschutz in den 50er Jahren. Es gab Proteste gegen verseuchte See und Smog-produzierende Schlote, aber was noch fehlte, war ein allgemeines Rahmenkonzept, ein Satz von analytischen Werkzeugen und damit eine Wahrnehmung gemeinsamer Interessen in vermeintlich zusammenhanglosen Einzelsituationen.
Ähnlich nehmen wir heute Katastrophen in der Wissensumwelt wahr: Microsofts monopilistische Praktiken, die Patentierung von menschlichen Genen und der Einsatz von Copyrights, um Kritiker der Scientology zum Schweigen zu bringen.
Auch fehlt heute ein übergreifendes Konzept wie die Ökologie, das unsere Wissensumwelt als komplexes System aus interagierenden Bestanteilen sichbar macht, ihr eine vergleichbare Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte verschafft und es erlaubt, Koalitionen zu bilden, zum Beispiel aus der Freie-Software-Gemeinde, den Kampagnen gegen Gen- und Software-Patentierung oder der Bewegung für eine informationelle Selbstbestimmung des Südens.
Wir brauchen, so Boyle, eine politische Ökonomie des geistigen Eigentums. Wie die Umweltbewegung die Umwelt erfand, damit sich unterschiedliche Interessengruppen als Umweltschützer verstehen konnten, müssen wir heute die Public Domain, das Gemingut Wissen erfinden, um ein Schutzbündnis zu schaffen.
Ein Anfang scheint gemacht. In letzter Zeit häufen sich Veranstaltungen, die nach dem Eigentum an Wissen fragen. So auch Anfang Mai eine Konferenz der Böll-Stiftung in Berlin. Dort began der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen seinen Vortrag mit der politischen Priorität: “Die gegenwärtige Auseinandersetzung um den Besitz von Wissen kann letzlich nur politisch, nicht primär ökonomisch und nicht primär technologisch, entschieden werden; genauso wie die um die Verfügung über Wasser oder die Reinhaltung der Umwelt. Die Frage nach dem Besitz von Wissen, also letzlich nach dem Zugriff auf Wissen, hat eine ähnliche universale Dimension.”
Ein Schutz der kollektiven Intelligenz passt nicht in die heutigen Regelungen fürs geistige Eigentum. Urheber- und Patentrecht kennen nur individuelle Autoren und Erfinder, allenfalls noch kleine Gruppen und Unternehmen als Eigentümer. Kontributorische Wissenskulturen, anwendergestützte Innovation und modulare Wissensstrukturen, die inkrementell fehlerbereinigt und entwickelt werden, sind nicht vorgesehen.
Wie Boyle fordert auch Ostrom intellektuelle Werkzeuge, um die Logik des kollektiven Handelns und die Möglichkeiten von selbst verwaltenden Institutionen, geminsame Ressourcen zu regulieren, besser zu verstehen. Ein Ansatzpunkt wäre es, die Mechanismen zur Entscheidungsfindung und Konfliktlösung, die sich in den verschiedenen Projekten der freien Software entwickelt haben, zu untersuchen, um nicht nur den Code, sondern auch die Umwelt zu optimieren, in der er entsteht.
Ein anderer ist es, die Wissens-Allmende immer wieder zum Thema zu machen, damit die Fragen nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt werden: Wie viel Wissen als Ware können wir uns leisten? Wie viel öffentliches und gemeinschaftliches Wissen brauchen wir?


Der Autor Volker Grassmuck ist Medienwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin und einer der Planer der Konferenz “Wizards of OS 2 – Offene Kulturen & Freies Wissen” vom 11. bis 13. Oktober in Berlin [3], die sich mit den angesprochenen Themen beschäftigen wird.


Verweise
Elinor Ostrom: “Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt”
Mohr Siebeck, 1999
(das englische Original ist nur knapp ein Viertel so teuer: “Governing the commons. The evolution of institutions for collective action”, Cambridge University Press, 1990)James Boyle: “A Politics of Intellectual Property: Environmentalism For the Net?”
47 Duke Law Journal 87, 1997
http://www.law.duke.edu/boylesite/intprop.htm

“Wizards of OS”
http://www.wizards-of-os.org


Quelle
Linux-Magazin 07/2001
http://www.linux-magazin.de

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